Hoffen statt Handeln? Über einige Probleme mit christlich-politischen Weihnachtsbotschaften

Christen sind überzeugt, dass in dem Weihnachtsgeschehen Hoffnung auf eine bessere Welt gründet, und manche meinen, dass das auch die Politik sagen muss. Doch sie irren: Weder ist Weihnachten 2016 ein Grund zur Hoffnung, noch ist es Aufgabe der Politik, Visionen der Hoffnung zu liefern. Sie sollte vielmehr kritisch, wütend und anklagend sein.

Weihnachten und tote syrische Babys

Als ich jüngst das Weihnachtsvideo der FDP kritisierte, weil es mir im Angesichts des „Schlachthauses Syrien“ (Ban Ki Moon) unangemessen schien, eine besinnliche Stimmung zu erzeugen bzw. hoffnungsvoll und froh in die Zukunft zu blicken, erntete ich Widerspruch. Bevor ich darlege, welche Lehren ich aus diesem Widerspruch sehe, möchte ich kurz skizzieren, warum ich überhaupt Kritik an diesem Video äußerte.
In dem Video geht es um Chancengleichheit und darum, heute geborenen Kindern durch geeignete Bildung optimale Voraussetzungen dafür zu geben, dass sie Zukunft gestalten können. Die Bilder des Videos, die Begleitmusik und die Erzählung der Stimme aus dem Off (eine Hebamme, die von ihrer Erfahrung mit an Weihnachten geborenen „Christkindern“ berichtet) wecken Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen in diese Zukunft.
Die Botschaft ist ja gar nicht verkehrt: Klar brauchen wir „die beste Bildung der Welt“, und klar wollen wir dass unsere Kinder optimale Zukunftsaussichten haben. Aber die Mittel, so etwas auszudrücken, gefallen mir überhaupt nicht. Denn mir scheint es angesichts der Monstrosität, der die Menschen in Syrien und vor allem im Ostteil der Stadt Aleppo ausgesetzt waren und sind, nicht angebracht, ein von positiver Emotion und Zuversicht getragenes Video zu machen. Um es drastisch auszudrücken: Wie kann man von der Zukunft der Kinder sprechen, ohne die zerstörte Zukunft der syrischen Kinder anzusprechen? Wie kann Hoffnung geweckt werden, wenn Babys im Bombenhagel des syrischen Regimes sterben, zu Waisen werden oder an Hunger sterben?

Politik muss kritisch sein

Politik ist für mich nicht dazu da, nahezu religiöse Gefühle auszudrücken oder an diese anzuschließen. Das tut sie, gewiss, auch ohne explizites Zutun. Und ich habe auch nichts grundsätzlich dagegen, positive Visionen von einer besseren Welt angeboten zu bekommen. Schließlich treibt uns das als Aktive, als Bürger oder einfach als Menschen an. Aber: inhaltlich muss Politik vor allem kritisch sein. Sie muss getragen werden und motiviert sein von einem tiefen Unrechtsbewusstsein. Sie muss Ungerechtigkeit beseitigen wollen. Ja, sagen wir es wie es ist: sie muss die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Wie das geht ist natürlich Sache der jeweiligen Politik, und vielleicht bedarf es dazu gar keiner Politik. Visionen von dieser besseren Welt haben hier ihren Ort. Der Punkt ist jedoch: Das alles geht nicht, wenn man lediglich die Vision einer besseren Welt anstößt oder nur den Wunsch danach, wenn Wärme und Hoffnung adressiert werden, die einen einlullen und das diffuse Gefühl auslösen, dass alles schon irgendwie besser werde (wenn man nur der vorgeschlagenen Politik folgt, so die implizite Botschaft). Um die Welt zu einem besseren Ort zu machen bedarf es eines kritischen Blicks und einer anklagenden Haltung. Und es bedarf allem voran Handlung. Politik muss dabei verletzt sein, anklagend. Sie muss getragen werden von einer Wut – nicht einer Wut über „die da oben“ und wie die Deutschen schon wieder betrogen werden. Sondern wütend ob der Unmenschlichkeit in der Welt, der Armut, wütend im Angesicht von Krieg, Leid und Tod.
Ok, mag manch einer sagen, aber darum geht es doch in diesem Video nicht. Es soll doch einfach nur eine Weihnachtsbotschaft sein, die die Menschen vorweihnachtlich anspricht. Das eint die Leute, gibt ihnen ein gutes Gefühl und lässt sie den Liberalen wohlgesonnen sein.  Aber von einem strategischen Standpunkt aus gefragt: Motiviert es nicht auch, sich einzubringen und zu engagieren, wenn Unrecht angeklagt wird? Ist der negative Ansatz, vom Nichtperfekten ausgehend Lösungen zu adressieren und dabei das Nichtperfekte als raison d’etre anzusehen, nicht auch geeignet, Menschen anzusprechen und zur Mitarbeit anzuregen?  Natürlich, wenn sich die angesprochenen Menschen, durch die wohlig-warmen Botschaften motiviert, lediglich um die (Partei-)Politik herum versammeln sollen, ist community building bestimmt erfolgreich. Aber was ist der Preis? community building um seiner selbst willen? Hoffen statt Handeln? Ich befürchte, genau das ist der Preis.

Hoffnung statt Aktion

Als ich meine Überlegungen dazu als Kommentar zu dem Video abgab, regte sich Widerspruch: Gerade an Weihnachten sei es doch wichtig, Hoffnung zu wecken, denn darin bestünde ja die Weihnachtsbotschaft. Schließlich sei Jesus auch unter widrigen Umständen und mit Ausblick auf seinen Tod hin geboren (wer wäre das denn nicht?). Man müsse doch an die Weihnachtsbotschaft glauben, denn was wäre das für eine Welt ohne glaubende Menschen? Menschen, die daran glauben, dass sich etwas (zum Besseren) verändern kann? Gerade im Angesicht von Terror und Tod bedürfe es dieses Glaubens, so eine Replik auf meinen Kommentar.
Nun, um es kurz zu machen: die Antworten haben das Potential, die marxistische These von der Religion als Opium für’s Volk zu bestätigen. Aber bleiben wir zunächst auf dem religiösen Spielfeld. Ich glaube zwar, dass hier grundsätzlich ein falsches Bild von dem Verhältnis zum Ausdruck kommt, das zwischen Politik und Religion herrscht. Aber selbst wenn man dieses falsche Verständnis teilt und annimmt, dass Politik religiöse Identität ausdrücken muss, könnte man doch auch diejenigen Stellen der Bibel heranziehen, in denen es um Sozialkritik, um Anklage und um die Beseitigung von Unrecht geht. Klar, theologisch sind diese verbunden mit dem Weihnachtsgeschehen, und insbesondere die sozialkritischen Propheten erwarteten letzten Endes Gottes Handlungen zur Beendigung sozialer Missstände. Aber es geht hier ja nicht um Theologie, sondern um die politische Ausrichtung. Man hätte dabei, auch und gerade vor christlichem Hintergrund, den sozialkritischen Weg beschreiten können.
Aber abgesehen davon: Wenn sich die Menschen darauf zurückziehen, durch religiöse Botschaften Hoffnung zu bekommen, dann legen sie, so meine Überzeugung, diese Hoffnung gewissermaßen in Gottes Hände – anstatt diese Hoffnung selbst Wirklichkeit werden zu lassen. Das gilt zumindest tendentiell, denn selbstverständlich gilt das nicht für diejenigen, die, getragen von ihrem Glauben, aktiv sind und Ungerechtigkeiten beseitigen. Aber den politischen Schwerpunkt des religiösen Bewusstseins auf Hoffnung anstatt auf Aktion zu legen, hemmt doch mehr als dass es aktiviert. Hoffen statt Handeln.
Und was soll der Verweis auf Jesus‘ Todesaussicht? Werden wir nicht alle mit Aussicht auf unseren Tod geboren? Ist das etwas Gutes? Sollte das nicht zu Akzeptanz führen, sondern vielmehr Anlass dazu geben, den Tod zu überwinden? Natürlich sollte es das. Der Tod ist ein Übel, das ausgerottet gehört. Jesu Tod mag vielleicht noch Sinn gemacht haben, jedenfalls wenn man der christlichen Theologie folgt. Aber das heißt nicht, dass der Tod das heute auch not tut. „Weil wir 2016 haben“, würde ich als einfache Begründung anführen.Viele Christinnen und Christen beschreiten aber den anderen Weg und akzeptieren den Tod. Er gehöre nun mal zum Leben, höre ich sie rufen. Und es gebe ja noch das Leben nach dem Tod. Es ist zwar zweifelhaft, ob es das gibt. Aber selbst wenn: Warum sollte man dieses nicht auf Erden leben dürfen? Hoffen statt Handeln.
Ja, und was wäre die Welt ohne glaubende Menschen, fragen manche. Ich bin geneigt zu sagen: sehr viel fortgeschrittener, friedlicher, besser. Denn was sind denn die ideologischen Motive für Krieg und Gewalt, in der Vergangenheit und heute? Was führt dazu, dass Menschen ihre Nachbarn umbringen? Es ist die Religion, die Unfrieden stiftet (auch wenn sie nicht der einzige Grund für gewalttätige Konflikte ist und eher ein Deckmantel für ökonomisch-soziale Probleme ist). Und wie werden Fortschritte erreicht? Indem religiöse Identitäten überwunden werden. Freilich, das muss alles nicht so sein, und Religion hat auch enormes Friedenspotential. Ich finde es nur beschämend, wenn man sagt, man brauche angesichts von Leid und Tod Religion und Glaube, ohne dessen Leid- und Todbringendes Potential zu sehen. Und vor allem: Ohne die aktiven, kritischen Potentiale von Religion zu adressieren. Hoffen statt Handeln.

Politik und Religion

Über all diesen Punkten steht jedoch noch eine weitere Einsicht. Denn in den Kommentaren kommt zum Ausdruck, dass sich Politik in bestimmter Weise religiösen Identitäten und Botschaften anzuschließen habe. Ich verwende bewusst den Ausdruck „anschließen“, denn aus den genannten Stellungnahmen können keine tiefergehenden Ansichten zum Verhältnis von Politik und Religion gewonnen werden. Wohl aber ist klar, dass der Ausdruck von Hoffnung und Zuversicht, wie er in dem Weihnachtsvideo zum Vorschein kommt, zu den religiös motivierten Ansichten passt. Das Video drückt aus, was die Religion auch sagt, so der Tenor meiner Kritiker. Sofern diese Kritiker die Bewertung der politischen Botschaft rein privat auf der Grundlage ihrer religiösen Ansichten vornehmen, ist dagegen auch gar nichts zu sagen. Wenn aber der Politik selbst die Aufgabe zugesprochen wird, religiöse Inhalte umzusetzen oder auch nur auszudrücken, wird es problematisch. Zwar mag es identitätsbezogene Parteien geben, aber die Aufgabe der Politik als solcher ist es nicht, identitätsbasierte Lösungen zur Regelung von kollektiven Problemen zu geben. Zumindest nicht in unserem politischen System. Politik muss vielmehr solche Lösungen anstreben, die für alle Perspektiven akzeptabel sind bzw. in denen allen Perspektiven Raum zur Entfaltung gegeben wird.
Welche Position die Kritiker meiner Kritik einnehmen vermag ich nicht zu sagen. Ich möchte lediglich die Warnung aussprechen, die genannte Grenze zwischen privater Rechtfertigung und politischen Aufgaben zu überschreiten und der Politik eine identitätsbasierte Grundlage zu geben. Vor allem aber möchte ich die Christen unter den Politikern aufrufen, ihre Politik auf der Grundlage einer anklagenden Haltung und eines Schmerzes ob des Unheils in der Welt zu machen. Darin wiederum könnten sich religiöse und nichtreligöse Menschen treffen. Handeln statt Hoffen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s